O-Ton Reihe

Contemporary I Classic I Chamber music


Katharina Polivaeva

Piano

"O-Ton" Reihe. Zeitgenössische Komponisten in einem Interview vorgestellt.


Die fünf Fragen an den Komponisten Andreas J. Winkler. 14 Juni 2019


Katharina Polivaeva: Wie sieht bei Dir ein Impuls aus , der zu einer neuen Komposition führt? Wie konkret weißt Du über die Besetzung, Länge, Form, Charakter eines Werkes bevor die erste Note geschrieben wird..

Andreas J. Winkler: Die meisten „Ideen“ kommen beim Improvisieren an meinem Instrument, dem Klavier. So entstehen normalerweise motivische oder klangliche Zellen, aus denen ich dann das jeweilige Stück herausdestilliere oder entwickele. Das muss dann natürlich nicht mehr am Klavier sein, sondern kann im Garten, im Café oder im Zug entstehen.

Die Besetzung ist in aller Regel rasch klar, da die meisten Töne, wenn ich nicht gerade aktiv das Klavier bearbeite, sowieso „innerlich“ gehört werden. Dies bestimmt auch recht schnell den Charakter der Komposition, der, wenn alles gut läuft (Komponieren kann auch schief gehen!), einen gewissen „Zug“, also eine Eigendynamik entwickelt, aber - und das ist vielleicht ungewöhnlich - nicht an allererster Stelle steht. Hinsichtlich der Länge schreibt sich das Stück in der Regel selbst; ich bin ohnehin ein Gegner zu langer Kompositionen und versuche mich meist kurz zu fassen, was mir aber auch nicht immer gelingt. Mit der Länge direkt zusammen hängt die Form, die sich nie als Neuerfindung des Rades geriert, sondern vor dem Hintergrund der reichen musikalischen Geschichte Europas der letzten 300 Jahre zu verstehen ist. Soll heißen: Ähnlichkeiten mit bekannten Bauprinzipien wie „Sonate“ oder „Lied“ sind nicht zu leugnen, weil sie in (nicht nur) meiner künstlerischen DNA verankert sind. 


Katharina Polivaeva: Wie leben im Jahr 2019 - was macht für Dich den Zeitgeist aus? Inwiefern findet man diese Auffassung in deiner Musik wieder? Ist es überhaupt ein wichtiges Kriterum für das Komponieren?

Andreas J. Winkler: Die schwerste Frage der fünf. Was ist Zeitgeist? Kurzatmige Mode oder universale Geistesrichtung? Und wie äußert sich Zeitgeist in Musik? Bewusst? Oder eher, frei nach Adorno, mehr hintergründig-künstlerische Notwendigkeit, greifbares Substrat des objektiven Weltgeistes? Man darf bezweifeln, dass Komponist(inn)en, die bewusst „an der Zeit entlang komponieren“, unter die Oberfläche zu den wirklichen Strömungen gelangen. Möglicherweise ist das das Kernproblem eines Teils der aktuellen „Neuen Musik“: Das ist doch nur Politik! Insofern kann ich die Frage eigentlich sowieso nicht beantworten. Was ich versuche, ist, Kunstwerke zu schaffen, die dynamisch sind, metrisch, farbig, „textlich“, verständlich (na gut, nicht für jeden), und vor allem: die als „absolute Musik“ stehen können. Ich kann auch gar nicht anders. Möglicherweise entspricht das ja einem gewissen Strom des Zeitgeistes, der, wenn mich nicht alles täuscht, von der alles plättenden und anonymisierenden Globalisierung weg will, hin zu fasslichen, persönlichen, mit echten Namen unterzeichneten Werken (und Werten), die reden können. (Musik, die ihren Link zur Sprache aufgegeben hat, ist für mich wertlos.) Daraus geht auch hervor: ein wichtiges Kriterium beim bewussten Produzieren kann der „Zeitgeist“ in anspruchsvoller Musik eigentlich nicht sein, von gelegentlichen Zitaten, Anspielungen oder Ausflügen in der Theatermusik vielleicht abgesehen.


Katharina Polivaeva: Wann wurde der Beruf "Komponist" zu deinem Berufswunsch und was macht diesen Beruf für Dich aus? Was ist Dir wichtig um zu komponieren?


Andreas J. Winkler: Ist Komponieren ein Beruf? Mein eigentlicher Beruf ist Hochschullehrer. Mein Job ist, jüngeren Menschen Perspektiven auf Musik zu vermitteln, die meist mit der sog. „Musiktheorie“ zu tun haben. Meine Perspektive ist dabei weniger theoretisch, sondern besteht in einer Art kompositorisch-analytischer Melange mit einem klar historischen Bezug. 

Komposition als Berufung oder Leidenschaft: das ist schon lange da; als professionelle Perspektive ist es mit geringen Unterbrechungen präsent, seit ich sechzehn bin. Was ich aber erst spät gelernt habe, ist, dem eigenen Schaffen zuzuhören, es wirklich wichtig zu nehmen und nicht schnell zufrieden zu sein. Dass ein Stück gehegt und gepflegt werden will, ist eine Erkenntnis, die nicht über Nacht kam: aber eine, die den Beruf des Komponisten mehr als alles andere ausmacht. 


Katharina Polivaeva: Wenn man von eigenem Leben wie von einem Haus spricht - was ist Dein Fundament auf welchem dieses Haus steht?


Andreas J. Winkler: Ich bin nicht so sehr der Häuslebauer, daher ist das nicht mein Bild. Das Leben ist für mich eher ein Baum; die Wurzeln reichen tief ins Erdreich (weit unterhalb der Humusschicht der europäischen Kultur, aber ohne diese nicht lebensfähig): jeder kann das Bild zu Ende imaginieren… Sonne und Regen, frische Luft und Wärme braucht es vor allem!


Katharina Polivaeva: Welche Werke bzw. Aufführungen haben Dich in den letzten Jahren stark beeindruckt?


Andreas J. Winkler: Vielleicht enttäuschend für diejenigen, die nun heiße neue Tipps erwarten: für mich am beeindruckendsten grad in den letzten Jahren sind ganz überwiegend Klassiker. Ein Stück wie der „Erlkönig“ ist an Intensität kaum zu überbieten, ebenso die Arie der Desdemona aus „Otello“. Eine Auseinandersetzung mit Mozarts Sinfonien und Streichquartetten - oder mit der Klaviermusik eines Brahms oder Debussy - ist immer wieder bereichernd. „Tosca“, „Meistersinger“, „Dichterliebe“! 

Die modernere Musik hat natürlich auch ihre Sternstunden, allen voran der „Sacre de Printemps“, das stärkste Stück des 20. Jahrhunderts, gefolgt von dessen genauem Gegenteil, „Fratres“: beides sind natürlich längst Klassiker. Ein überraschend großer Teil der nach 1945 erfundenen „neuen“ Musik hingegen klingt schon „alt“; die Serialisten etwa sind bereits von der Geschichte kompostiert, während die Blüten der Bach’schen Fugen immer noch leuchten wie frisch gegossen. Sehr seltsam. Aber auf lange Sicht setzt sich Qualität eben durch. 

Andererseits soll das nicht heißen, dass ich keine Neue Musik mag - ich schreibe ja selber welche und versuche, mich regelmäßig auf Konzerten Neuer Musik herumzutreiben. Möglicherweise fehlt ihr vor allem die altehrwürdige Patina, die langjährige Praxis guter Aufführungen: die Stücke werden in die Welt geworfen und einmal, selten zweimal, sehr selten öfter aufgeführt. (Mit ein paar berühmten Ausnahmen.) Vielleicht könnte ich aber mehr neue Stücke mit glühenden Augen bewerben, wenn diese ein wenig interpreten- und zuhörerfreundlicher geschrieben wären? 


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